Gutachter und Gutachten und "Das rundum gute Gutachten"

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binmüde
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Gutachter und Gutachten und "Das rundum gute Gutachten"

Ungelesener Beitragvon binmüde » So 20. Mai 2012, 05:46

"Als Gutachter werden Personen bezeichnet, die über eine besondere Sachkunde auf einem bestimmten Fachgebiet verfügen. Gutachter kann also jeder sein, der mit überdurchschnittlichem Fachwissen eine Stellungnahme (Gutachten) aus einem Fachgebiet abgibt..." So jedenfalls geht derzeit der entsprechende Artikel der Wikipedia los.

Wer sich diese Thematik nicht genauer anschaut, der lebt wahrscheinlich fröhlich in dem Glauben, da werde schon alles seine Ordnung haben. Bis irgendwann seine Belange betreffend ein Gutachten vorliegt und das Erwachen böse ist.

Gutachten werden auch auf medizinischem Gebiet z.B. nach einem Unfall oder im Zusammenhang mit Erkrankungen wie der Narkolepsie erstellt, wenn über Anträge zu entscheiden ist und Versorgungsämter oder Versicherungen und die Betroffenen unterschiedliche Vorstellungen vom Sachverhalt haben. Und das führt manchmal zu erheblichen Problemen für die Betroffenen. Im guten Glauben, so ein Gutachter mit seinem Erfahrungsschatz würde schon erkennen, wie es um einen steht, wird manch Unfallopfer oder Narkolepsie-Patient den ja mit dem Etikett "neutral" bezeichneten Mediziner mit "überdurchschnittlichem Fachwissen" aufsuchen.

Einen guten Arzt für eine seltene Krankheit (zwecks Behandlung) zu finden, das bedarf schon Glück, wirklich guter Ratschläge von Leidensgenossen und Zeit. So gesehen wäre es schon fast ein Wunder, wenn noch so einer in der näheren Umgebung des eigenen Wohnorts ansässig wäre und dort auf Aufträge für Gutachten warten würde. Und ein noch größeres Wunder wäre es, wenn ausgerechnet derjenige von der Gegenseite mit der Erstellung des Gutachtens beauftragt würde. Die Behörden oder sonstigen Auftraggeber werden jedoch schon jemanden an der Hand haben, der "weiß, worauf es ankommt" und auch wieder diesen Auftrag für ein Gutachten erhält (nicht mal böse gemeint, einfach nur "Hoch lebe der Vorgang").

Ein Gutachten kann aus unterschiedlichsten Gründen schlicht falsch sein. Doch wenn es zum eigenen Nachteil erst mal zu Papier gebracht ist - das bekanntlich geduldig ist - hat der Betroffene ein dickes Problem mehr. Und die Gegenseite ist fein raus, da sie ja "alles getan" hat und sich auf all die guten Attribute beruft, die man gemeinhin so einem Gutachter zuschreibt.

Zeitnot oder Unkenntnis über das Krankheitsbild seitens des Gutachters, gerade bei unsereins eine Befragung in arg müdem Zustand, wodurch ohnehin nicht das rüber kommt, was eigentlich vermittelt werden sollte - es gibt noch reichlich weitere Gründe für fehlerhafte Gutachten. Wohl auch gar nicht selten: das Gutachter sich eben von Gutachten für die Versicherungen oder Ämter ernähren und ihre Ernährungsgrundlage beim Formulieren der Gutachten nicht aus dem Auge verlieren ("Wes Brot ich ess, des Lied ich sing"). Was auch dazu führt, dass zu Gunsten der Betroffenen fehlerhafte Gutachten nicht so häufig sein werden.

Nun ja, es gibt ja den Rechtsweg. Doch auch wenn es deswegen zu Klagen kommt, werden zwecks Klärung in vielen Fällen wieder Gutachten beauftragt. Und die kosten eine Menge Geld, das sie nur zu oft nicht Wert sind. Was in anderen Bereichen schon früher versucht wurde, so etwas wie Qualitätsstandards und Qualitätssicherung zu erreichen, haben sich das Sozialgericht Düsseldorf (Ausgaben für Gutachten jährlich rund 4,5 Mio Euro bei 14800 erledigten Streitsachen, ein oder mehr Gutachten bei einem Drittel der Fälle) und die Bergische Universität Wuppertal in 2010 als ein Forschungsprojekt "Das rundum gute Gutachten - Qualität von Sachverständigen-Gutachten und ihr Beitrag zum Rechtsfrieden" vorgenommen. Erwartung: "wichtige Mechanismen zur Qualitäts- und Kostenoptimierung, für das Erleben von Gerechtigkeit und zur Förderung des Rechtsfriedens sollen identifiziert werden."

Aus der lesenswerten Informationsbroschüre (im Internet als PDF zu finden) ergibt sich:
Natürlich ist ein Gutachten selbst ein Kostenfaktor, in der Folge werden zudem Ansprüche belegt oder abgelehnt. Es kann aber dabei helfen, dass eine Entscheidung von den Verfahrensbeteiligten getragen wird, ohne daß (weitere) Rechtsmittel nötig sind. "Überzeugend können aber nur Gutachten sein, die auch qualitativ hochwertig sind. Gute Gutachten sind plausibel, schlüssig und nachvollziehbar; ihre Abfassung muss vom Aktenstudium bis zum fertigen Dokument neutral, vollständig und transparent sein " ... "damit Prozessbeteiligte sich zuverlässig und gerecht behandelt sehen."
Und weiter steht dort: "Die tatsächliche Bedeutung von Begutachtung steht – insbesondere im Sozialrecht – in einem deutlichen Missverhältnis dazu, wie dieses Instrument verwaltet wird. Eine Begutachtung der Begutachtung ist die Ausnahme und die Qualität von Sachverständigengutachten wird kaum systematisch geprüft."

Wen die Problematik näher interessiert, der kann ja mal mit dem Stichwort "Das rundum gute Gutachten" und "Sozialgericht Düsseldorf" oder "Uni Wuppertal" googlen. Vielleicht hilft die eine oder andere Information von dort auch mal in einer Argumentationskette, wenn es um ein Gutachten geht, das nicht so schlüssig und nachvollziehbar, objektiv, umfassend und transparent ist, wie es wünschenswert wäre.

Ja, ich war nachts mal wieder wacher als tagsüber. Aber vielleicht bringt das da oben ja jemandem etwas. Wäre schön.

Gruß
binmüde

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