Krankeit als Symbol - Heilungsmöglichkeiten?

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Narki
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Ungelesener Beitragvon Narki » Mi 26. Dez 2007, 15:14

Hallo Zusammen

Anzumerken ist hier, dass gerade in unserer Gesellschaft das Ausleben spontaner Emotionalität eher verpöhnt wird als andernorts. Eine vergleichende Studie mit anderen Kulturen hinsichtlich Katas wäre vielleicht vorteilhaft. Gibt es die denn?


Ich habe einmal beim Stöbern im Internet folgende kurze Passage gefunden und stelle sie kommentarlos hier mal rein:

Uqamairineq sind bei den Inuits plötzliche Lähmungen, verbunden mit Angst, Agitiertheit (innere Unruhe, Nervosität, Fahrigkeit, Anspannung), und zwar vor allem beim Übergang vom Wachen zum Schlafen oder umgekehrt. Und das alles ggf. sogar durch Halluzinationen (Sinnestäuschungen, Trugwahrnehmungen) verstärkt.

Die meisten Attacken dauern nur einige Minuten und gehen vollständig zurück. Es gibt aber auch mittelfristige bis chronische Verläufe. Diese Störung scheint ziemlich häufig zu sein. Sie wird traditionellerweise mit dem Verlust der Seele, mit Seelenwanderung oder Besessenheit in Zusammenhang gebracht.

Oder als Narkolepsie interpretiert, einer sonderbaren Schlafstörung aus der Gruppe der Hypersomnien mit Kataplexien (dramatische Muskelschwäche bis zum Hinstürzen) einschließlich Schlaflähmung (totale Bewegungsunfähigkeit).

Ähnliches findet man auch in Nigeria (Aluro), in Neufundland (Old hag) und in Thailand (Phii pob).


Gruss,
Narki

bobby
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Re: N. und andere Kulturen

Ungelesener Beitragvon bobby » Fr 28. Dez 2007, 11:40

Hallo Narki :)

echt klasse Passage, die Du gefunden hast. Ich habe daraufhin auch mal gegoogelt und unter folgenden pdf-Dokument ( :arrow: http://www.univie.ac.at/ethnomedicine/MCW Block 6, 11/CBS Kutalek Prinz.pdf) folgendes gefunden:

2. ”Sleep Paralysis Taxon”
Zu diesem Taxon werden das uqamairineq oder uqumanigianiq der Inuit Alaskas und der old hag der weißen Siedler Neufundlands gerechnet. Es äußert sich, wenn der Betroffene gerade einschläft oder erwacht. Charakteristische Merkmale sind die Unfähigkeit, sich zu bewegen, gekoppelt mit einem klaren Bewusstsein, was in der Umgebung vor sich geht. Die Person hat keine Kontrolle über ihren Körper und selbst das Rufen nach Hilfe ist nicht möglich. Die Symptome provozieren große Angst, die sich bis zur Panik steigern kann. Entweder vergehen diese Anfälle nach einiger Zeit von selbst, oder sie werden erst durch die Berührung des Körpers durch Außenstehende unterbrochen. Halten die Lähmungserscheinungen zu lange an, so können, gemäß traditioneller Vorstellungen, diese zum Tod des Betroffenen führen. Die emische Erklärung dieser Krankheit beruht auf der postulierten Verbindung des Menschen mit der Welt der Geister. Vor allem in den Einschlaf- und Aufwachphasen gilt der Mensch am empfänglichsten für den Einfluss der Geisterwelt. Die Seele löst sich in dieser Zeit vom Körper und wandert zwischen den Welten. In diesem Zustand ist der Mensch sehr anfällig für schlechte Einflüsse oder Krankheiten, und es kann vorkommen, dass die vom Körper gelöste Seele den Weg nicht mehr zurück findet. Auch kann diese Seelenlosigkeit während des Schlafes von den Geistern genutzt werden, um mit dem Menschen in Verbindung zu treten oder sogar in ihn einzudringen, ihn besessen zu machen. Es besteht ein offensichtlicher Zusammenhang zwischen diesen Phänomenen und dem Schamanismus, in der der 5 Akteur ja auch in Verbindung mit der Geisterwelt tritt, allerdings willentlich und unter voller Kontrolle der Situation. Die weißen Siedler Neufundlands glauben, dass diese Attacken, von ihnen old hag genannt, durch eine Stagnation des Blutes im Schlafenden oder durch zuviel körperliche Anstrengung hervorgerufen werden. Es besteht auch die Vorstellung, dass dieses Syndrom durch einen Menschen, der feindliche Gefühle gegen das Opfer hegt, ausgelöst werden kann. Patienten berichten, dass sie sich nach plötzlichem Erwachen nicht mehr bewegen können. Auf der Brust lastet ein enormer Druck wie von einem schweren Gewicht. Gelegentlich glauben die Kranken, dass ein großes Tier oder sogar ein Mensch auf ihnen sitzt.


Viele Grüsse und guten Rutsch ins neue Jahr

bobby :)
D 2017: Wahlen kommen und gehen - die Politik bleibt (Merkel, Merkel, Merkel) :evil:

traumtänzer
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Re: Krankeit als Symbol - Heilungsmöglichkeiten?

Ungelesener Beitragvon traumtänzer » Mo 28. Jan 2008, 15:33

Hi Narki & bobby,

dieser Teil meiner Überlegung führt wohl tatsächlich in die falsche Richtung. Ist offenbar und interessanterweise eine kulturunabhängige Sache.

Eure Zitate sind, wie ich finde, noch in anderer Hinsicht interessant: Es handelt sich erneut um Beschreibungsmodelle (zumindest eines Symptoms und seiner Ursache), die eine Alternative zu den konventionellen naturwissenschaftlich-analytischen Beschreibungen darstellen und gewissermaßen die diskutierten Ansichten unterstützen oder ergänzen. Anzumerken ist von meiner Seite folgendes:

1. In Narkis Zitat aus der Rubrik „seelische Störungen“ der angegebenen website fehlt der letzte Satz:

„Im Westen bezeichnet man dies als Konversions- oder dissoziative Störungen. Oder als Narkolepsie mit Kataplexie einschließlich Schlaflähmung.“


Hier wird also auch die Möglichkeit eines nicht weiter begründeten Zusammenhangs zwischen diesem Symptom und der Psyche angeführt – einer psychosomatischen Betrachtung also. Bemerkenswert erscheint mir hierzu die „Somatoforme Dissoziation“, die der im Zitat erwähnten Dissoziation (Abspaltung psychischer Funktionen von der Gesamtpersönlichkeit) zugerechnet wird:

„Die [meist chronischen] Symptome sind hier das Ergebnis einer instinktiven Überlebensreaktion des Menschen, ähnlich der von Tieren, und erzeugen Erregungs- oder Betäubungszustände.“


(http://de.wikipedia.org/wiki/Konversionsst%C3%B6rung) [jaja, wikipedia, ich weiß…;-)]

Vermutliche Ursache ist ein Trauma, das ja auch in wissenschaftlichen Kreisen als mögliche Ursache oder zumindest als Auslöser für N. gilt.
Nebenbei bemerkt wird im Zusammenhang mit dissoziativen Störungen auch der „Totstellreflex“ beim Menschen erwähnt. Diese „Vermeidung einhergehend mit Parasympathikusaktivierung“ wäre ein dissoziatives Symptom. (http://vielfalt-info.de/mediapool/43/43 ... matik_.pdf). In der Allgemeinen Psychologie gilt der menschliche „Totstellreflex“ als Erstarren, das bei einem Trauma auftritt. Wenn in einer Situation der existentiellen Bedrohung die primär-biologischen Überlebensmechanismen des Flucht- bzw. Angriffsverhaltens nicht mehr funktionieren würden, bliebe als letztes biologisch angelegtes Überlebensmuster nur noch der „Totstellreflex“ (Levine, P. (1997) (with A. Frederic). Waking the tiger. Healing trauma. Berkeley: North Atlantic Books.).

2. Die emische Sichtweise auf die von Narki und bobby zitierten „kulturspezifischen“ Symptome assoziiert damit
- „Verlust der Seele, Seelenwanderung, Besessenheit“
- „Verbindung des Menschen mit der Welt der Geister“.

Soweit mir bekannt, wird im Rahmen der ethnopsychologischen Interpretation ein sog. „Seelenverlust“ gerne als archaische Metapher für ein „Trauma“ gesehen. Interessanterweise heilt man „Traumata“ in etlichen archaischen Kulturen, in denen die Traumwelt und die Alltagswelt als gleichermaßen real gelten (und so etwas wie Objektivität nur ein zur subjektiven Betrachtung alternativer, aber keineswegs gültigerer oder mehr Wahrheit beanspruchender Blickwinkel auf die Wirklichkeit ist) durch, mit bzw. in Träume(n) (mit oder ohne fremder Hilfe) und eine Auseinandersetzung mit diesen. Ein Weg, der inzwischen auch in der wissenschaftlichen Bewusstseinsforschung Beachtung gefunden hat. Anzumerken ist hier noch ein bemerkenswerter Fall: Nach einer traumatischen Erfahrung legte eine Frau alle Narkolepsie-Symptome an den Tag, was zur diesbezüglichen Diagnose führte. Nach baldiger Aufarbeitung des Traumas waren die Symptome vollständig verschwunden. Der Fall wurde dann als „Pseudo-Narkolepsie“ klassifiziert.

3. Im Buddhismus wird der Bewusstseinszustand zwischen Schlafen und Träumen mit einem kurz nach dem Tod auftretenden Bewusstseinszustand, dem „Bardo des Dharmatá“, verglichen. Alle Erscheinungen wären hier nichts anderes als der eigene Geist bzw. die Vorgänge des eigenen Geistes, die auf spektakuläre Weise verstärkt würden.
„Sind sie [die Menschen] nicht zu einer essentiellen Erkenntnis der wahren Natur der Erscheinungen im Geist gelangt, so ist es kein Wunder, dass Ihnen die Klänge, Lichter und Strahlen, die im Bardo des Dharmatá manifest werden, wie die objektive Wirklichkeit von äußeren, erschreckenden Phänomenen erscheinen können, die Ihnen widerfahren.(…) Die wesentliche Erkenntnis des Bardo des Dharmatá ist also die Einsicht, dass das, was aufscheint, die Weisheitsnatur Ihres eigenen Geistes ist.“

(Sogyal Rinpoche (2006): Das Tibetanische Buch vom Leben und vom Sterben, S. 409).

Diese Anmerkungen sind zur Inspiration gedacht. Eine Unterstützung im Glauben an Nicht-Heilbarkeit wird man aber hier nicht finden können, wie ich meine ;-)

Beste Grüsse,
Tt


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